Vielleicht haben mich viele von euch schon einmal gesehen und kennen mich aus dem Büro: Ich bin Mohammad Khaitou und heute möchte ich euch erzählen, wie meine Geschichte mit Wir sind Paten Leipzig begonnen hat und welchen Einfluss dieses Projekt auf mein Leben hatte.
Im Jahr 2015 kam ich nach Deutschland, weil ich vor dem Krieg in Syrien fliehen musste. Zunächst lebte ich in Dresden, danach in Torgau und schließlich kam ich 2016 nach Leipzig. Ein Jahr nachdem ich mich in Leipzig eingelebt hatte, lernte ich 2017 das Büro von Wir sind Paten Leipzig kennen. Damals befand sich das Büro in der Zschocherschen Straße 50, heute ist es in der Prager Straße 60. Mein erstes Treffen dort war an einem Freitag. An diesem Tag wurde gemeinsam japanisches Essen zubereitet. Die Idee war, Menschen zusammenzubringen und ihnen die Möglichkeit zu geben, andere Kulturen kennenzulernen. Es waren Menschen unterschiedlicher Nationalitäten und kultureller Hintergründe dabei. Dabei wurde im Büro regelmäßig gemeinsam Essen aus verschiedenen Ländern und Kulturen zubereitet.
Die Atmosphäre war für mich etwas ganz Besonderes. Dieser Ort war überhaupt nicht wie ein klassisches Büro, wie man es normalerweise kennt. Es fühlte sich eher wie ein großes Wohnzimmer an – mit Büchern, Spielen und Bildern an den Wänden. Es gab niemanden, der einem das Gefühl gab: „Ich bin der Chef und deshalb bin ich besser als die anderen.“ Stattdessen begegneten sich alle auf Augenhöhe und unterstützten sich gegenseitig. Zu dieser Zeit konnte ich noch nicht besonders gut Deutsch sprechen und benutzte deshalb häufig Englisch. Ich meldete mich damals bei Wir sind Paten Leipzig an, um Unterstützung zu bekommen, sowohl beim Deutschlernen als auch dabei, die Kultur, die Gewohnheiten und das Leben in dieser für mich neuen Gesellschaft kennenzulernen. Besonders wichtig war für mich, dass ich durch das Patenschaftsprogramm persönliche Unterstützung und Orientierung bekam. Darüber hinaus nahm ich an vielen verschiedenen Aktivitäten und Veranstaltungen teil: Ausflüge in die Berge, Fahrradtouren, Kanufahrten, Bowling, gemeinsames Kochen mit Menschen aus unterschiedlichen Kulturen sowie Workshops, Seminare und vieles mehr. Und tatsächlich bekam ich dort sehr viel Unterstützung. Menschen halfen mir dabei, meine Deutschkenntnisse zu verbessern, damit ich die Sprachprüfungen für die Zulassung zur Universität bestehen konnte. Sie unterstützten mich außerdem bei der Bewerbung an der Universität und dabei, einen Studienplatz zu bekommen.
Aber noch wichtiger war für mich etwas anderes: Ich lernte Menschen kennen, die für mich unbezahlbar wertvoll geworden sind. Wir schlossen Freundschaften, die bis heute bestehen. Wir besuchen uns gegenseitig, treffen uns außerhalb des Büros, kochen zusammen und unternehmen weiterhin viele Dinge gemeinsam.
Als sich meine Deutschkenntnisse verbesserten, beschloss ich, selbst ehrenamtlich in diesem Programm mitzuhelfen. Ich wollte neue Menschen unterstützen und ihnen bei ihrem Leben in Leipzig helfen – sowohl bei bürokratischen Fragen als auch bei Freizeitaktivitäten. Ich wollte etwas von der Unterstützung, die ich selbst bekommen hatte, an andere weitergeben und damit der Gesellschaft etwas zurückgeben. Außerdem bekam ich die Möglichkeit, gemeinsam mit Interaction Leipzig e.V. musikalische Veranstaltungen mit Wir sind Paten Leipzig im Büro zu organisieren. Zu dieser Zeit war ich bei Interaction Leipzig e.V. im Rahmen meines Bundesfreiwilligendienstes ehrenamtlich tätig.
Im Jahr 2020 bekam ich schließlich die Möglichkeit, bei der Sozialen Dienste und Jugendhilfe gGmbH im Bereich Wir sind Paten Leipzig zu arbeiten, also genau bei dem Projekt, von dem ich selbst zunächst Unterstützung erhalten und in dem ich später ehrenamtlich mitgearbeitet hatte. Wenn ich heute darüber nachdenke, ist das für mich eine ganz besondere Entwicklung: Ich kam als Mensch nach Deutschland, der die Sprache noch nicht beherrschte und kaum etwas über das Leben in dem für mich neuen Land wusste. Durch die Unterstützung, die Begegnungen und die Erfahrungen bei Wir sind Paten wurde ich schließlich selbst zu jemandem, der andere Menschen unterstützt, ihnen Orientierung gibt und sie dabei begleitet, ihren eigenen Weg in dieser Gesellschaft zu finden.
Diese Erfahrung hat mein Leben sogar so stark beeinflusst, dass ich mein Studium verändert habe. Dank dieses großartigen Projekts habe ich mich an meiner Universität in Deutschland dazu entschieden, von Betriebswirtschaftslehre zu Sozialer Arbeit zu wechseln. Ich wollte nicht nur für mich selbst etwas aufbauen, sondern auch beruflich mit Menschen arbeiten und andere auf ihrem Weg unterstützen.
Ich hoffe sehr, dass solche Projekte in Deutschland weiterhin Unterstützung und Anerkennung finden und noch viele Menschen erreichen, denn meiner Meinung nach sind Projekte wie Wir sind Paten ein wichtiger Weg, um Integration wirklich zu leben. Sie ermöglichen es Menschen, Kontakte zu knüpfen, die deutsche Gesellschaft besser kennenzulernen, voneinander zu lernen und sich persönlich weiterzuentwickeln.
Ich möchte mich bei allen Menschen bedanken, die anderen helfen und ihnen direkt oder indirekt die Hand reichen. Ihr hinterlasst einen großen Eindruck in unserem Leben. Ihr öffnet uns die Augen für neue Möglichkeiten und für Dinge, über die wir vorher vielleicht nie nachgedacht haben. Meine Geschichte zeigt mir bis heute, wie viel ein Ort, ein Projekt und vor allem die Menschen dahinter bewirken können. Was für mich zunächst mit der Suche nach Unterstützung begann, wurde zu Freundschaften, ehrenamtlichem Engagement, beruflicher Entwicklung und schließlich zu einem wichtigen Teil meines Lebens.
Vielen Dank an alle, die ein Teil dieser Geschichte sind – und an alle, die dafür sorgen, dass solche Geschichten auch in Zukunft möglich bleiben!
– Mohammad